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Energiebeschaffung zu Höchstpreisen in Papierfabriken verändert die Marktbedingungen


Preise für Erdgas in Deutschland stark gestiegen
07.01.2022 − 

Große Teile der Papierindustrie sind energetisch nicht sicher aufgestellt. Unternehmen beklagen einen Kostenschub in den vergangenen Monaten, dessen Ausmaß ihre Existenz gefährdet. Papierfabriken berichten aktuell über eine Vervielfachung der Preise für CO2-Zertifikate, Erdgas und Strom. Dieser beispiellose Preisschock hat bereits schwerwiegende Folgen für die Papierindustrie. Allerdings lässt auch der Ausblick noch höhere Preise und eine weiter zunehmende Unsicherheit in der gesamten Lieferkette befürchten.

Angesichts der exorbitant steigenden Produktionskosten sehen sich die Papierhersteller gezwungen, die Teuerungen über den Papierpreis direkt an die Kunden weiter zu geben. Laut Branchenkennern führt dies bei vielen Papiersorten nicht nur kurzfristig zu historischen Höchstpreisen. Im Rahmen der unausweichlichen Transition zur Klimaneutralität könnte der Weg der Papierindustrie auch längere Zeit mit hohen Papierpreisen flankiert werden.

Bezeichnend für den Druck, dem sich die Papierhersteller derzeit ausgesetzt sehen, erachten Branchenkenner die Art und Weise der Preisgestaltung bei Papier in den vergangenen Monaten. Dabei arbeiten Papierfabriken zum Teil mit exorbitanten Aufschlägen oder quasi monatlich mit Preiserhöhungen und sehen sich darüber hinaus zu ungewöhnlichen Methoden gezwungen: Manche fordern aufgrund der gestiegenen Energiekosten gesonderte Energie-Zuschläge für bereits kontrahierte Papierlieferungen, zum Teil mehrfach. Das ist ein Vorgehen, das es laut Branchenkennern so noch nie gab. Diese Vorgehensweise setzt sich auch im neuen Jahr fort.

Energie als Spekulationsobjekt

Kritiker monieren, dass die Teuerungen in der Produktion mitunter auf hausgemachte Probleme zurückzuführen sind. Hersteller seien zu häufig kurzfristigen Strategien gefolgt, anstatt den überwiegenden Teil ihres Energiebedarfs mit langfristigen Liefervereinbarungen abzusichern. Sie hätten die Risiken am Energiemarkt ausgeblendet, so lautet der Vorwurf. Von der dortigen Volatilität haben Papierfabriken in den vergangenen Jahren nicht selten profitiert, heißt es weiter. „Nun geht das Spekulieren schief und der Kunde muss zahlen“, moniert ein Kritiker die Papierpreissteigerungen und das Eingreifen der Hersteller in Lieferkontrakte.

Branchenkenner führen aus, dass tatsächlich viele Papierfabriken in der Energiebeschaffung mitunter auf kurzfristige Kontraktgeschäfte mit Strom und Erdgas gesetzt haben. Das führen Experten auf den seit Jahren bestehenden Kostendruck zurück. Dieser verleite die Papierhersteller zu kurzfristigen Deals. Aufgrund unzureichender Margen im Papiergeschäft insbesondere mit grafischen Qualitäten loten die Produzenten eine Erleichterung der Kostensituation in der Energiebeschaffung aus. „Die kurzfristige Beschaffung von Energie ist Wagnis und Chance zugleich“, kommentiert ein Akteur.

In der aktuellen Gemengelage sei aber auch die langfristig angelegte Energiebeschaffung kein Garant für Liefersicherheit von Papier, heißt es aus der Papierindustrie. Demnach haben Energieanbieter jüngst mehrfach Verträge aufgekündigt und höhere Preise gefordert. Es häuften sich zudem Insolvenzfälle von Energielieferanten, die die Einstellung der Energieversorgung von Papierfabriken zur Folge hatten. In der Konsequenz von solchen Lieferstopps müssen diese Strom bzw. Erdgas zu aktuellen Marktpreisen zukaufen. Dies lässt eine „toxische Situation“ in der Papierbranche entstehen, folgern Experten.

Vertreter der Papierindustrie unterstreichen in diesem Zusammenhang, dass die Alternative zur Weitergabe der explodierenden Kosten der Verzicht wäre. Wenn die Unternehmen Verluste vermeiden wollen, müsste in der Konsequenz die Produktion ganz oder temporär eingestellt werden. In den vergangenen Wochen und Monaten kam es tatsächlich in vielen Fällen zu Unterbrechungen der Produktion, da die Kosten zu hoch waren, wissen Branchenkenner. Weitere Stopps von Papiermaschinen hätten bei der derzeit hohen Nachfrage, die an fast allen Papiermärkten festzustellen ist, eine katastrophale Wirkung für die Kunden. Folglich arbeiten Papieranbieter mit Preiserhöhungen.

Kostenlast über alle Maßen

Da die deutschen Papierfabriken nicht energieautark sind, sind sie den Bedingungen am Energiemarkt Wohl oder Wehe ausgesetzt. Dort gewinnen neben der Verfügbarkeit und dem Preis auch geopolitische Faktoren an Gewicht – wie aktuell mit der Debatte um russische Gaslieferungen. Dies sorge für weitere Spannungen am Energiemarkt.

In einer Hochpreisphase, wie sie aktuell vorherrsche und alle Branchen über Landesgrenzen hinweg treffe, scheinen große Teile der Papierindustrie die Planungssicherheit zu verlieren, berichten Branchenkenner. „Bei uns hat sich die Kalkulationsgrundlage nachhaltig verändert“, unterstreichen mehrere Unternehmen übereinstimmend, nur von Monat zu Monat planen zu können. Eine Preisentwicklung am Energiemarkt, wie sie im September 2021 einsetzte und auch zur Jahreswende weiter eskaliert, war aber so nicht vorhersehbar und auch von Experten nicht prognostiziert, versichern Vertreter der Papierindustrie.

Die Explosion der Produktionskosten verhindert, dass viele Papierhersteller von der aktuell laufenden Papierpreiserhöhung, die bei den meisten Papiersorten marktbedingt durchsetzbar wurde, wirklich profitieren können. Ihnen entgeht die Möglichkeit, „Geld zu verdienen“, da die höheren Papierpreise Mehrkosten decken anstatt die Marge zu verbessern. Zudem haben die Risiken für die Unternehmen deutlich zugenommen, sodass der aktuelle Betrieb und selbst der Erhalt von Standorten nicht gesichert sind. Denn allein die Mehrkosten aufgrund der Energieverteuerung kommen bei vielen Papierfabriken auf mindestens siebenstellige Summen pro Jahr, unterstreichen Branchenkenner.

Und auch in anderen Bereichen münden derzeit viele globale Probleme gemeinsam in einer Vervielfachung der Kosten, heißt es weiter. Demnach wirken die Turbulenzen in den Bereichen Rohstoffe, Hilfsstoffe und Logistik zusätzlich belastend. Die aus den Fugen geratenen Lieferketten wiegen finanziell schwer und fordern die Unternehmen über die Maßen. Und nicht zuletzt verweisen Vertreter der Papierindustrie auf die politische Dimension in der aktuellen Energiedebatte. Nachhaltigkeitsziele werden forciert, was die gesamte Wirtschaft herausfordert. Durch den Green Deal scheinen insbesondere die Unternehmen der energieintensiven Industrien zu einer tiefen Umstrukturierung mit Fokus auf CO2-Neutralität gezwungen, so auch die Papier- und Zellstoffindustrie.

Forcierung der Dekarbonisierung

Mit den „Fit for 55“-Zielen und dem Ziel der Klimaneutralität bis 2050 sind eine Reihe von Vorgaben und Regelungen verbunden – national und auf EU-Ebene. So erachten Politiker und Experten einen hohen CO2-Preis als unterstützendes Mittel auf dem Weg zu einer klimaneutralen Wirtschaft.

CO2-Zertifikate werden immer mehr zur Mangelware und teuer. Dazu trage nicht zuletzt bei, dass die Anzahl der Freizertifikate für CO2-Emissionen der Papierfabriken sinkt, was politisch vorgegeben ist und den Preis treibt. Diese Mehrkosten sind bislang noch nicht gänzlich an die Kunden weitergegeben, sagen Branchenvertreter.

Ein weiteres Instrument der Politik auf dem Weg zur Klimaneutralität ist der Ausstieg aus der Kernenergie bis Ende 2022 und der vorgezogene Ausstieg aus der Kohlekraft bis 2030 bzw. spätestens 2038. Der Verlust dieser jederzeit verfügbaren und verlässlichen Energiequellen verteuert die Energie für die Verbraucher und birgt das Risiko, das Stromnetz zu destabilisieren, mahnen Energieexperten aus der Papierindustrie.

Zwar haben viele Papierfabriken bereits auf die vorhandenen sowie bevorstehenden Veränderungen reagiert. Hier verweisen Experten auf Investitionen in die Energieversorgung, die einen Wandel im Energiemix und die Erhöhung der Eigenversorgung der Produktionsstätten bewirkten. Allerdings verfügen nicht alle Akteure über die finanziellen Mittel, die notwendig sind, um die Strom- und Wärmeversorgung der Papierfabrik zeitnah CO2-neutral und somit zukunftsfähig zu machen. In der Folge stellen Experten stark divergierende Voraussetzungen in der Energiebeschaffung der einzelnen Standorte fest – und damit auch in der Kostenlast. Diese Unterschiede seien im internationalen Vergleich der Papier- und Zellstofffabriken nochmals größer.

Mit Blick auf Standorte in Deutschland bezeichnen Branchenvertreter die Investitionen in alternative Energieformen als durchaus nachhaltig. Skeptiker hingegen sagen, dass Anlagen etwa zur Müllverbrennung, für Biogas und Biomasse Papierfabriken nur eine unzureichende Back-up-Funktion bieten. Mit Blick auf die Kostenseite heißt es, dass die benötigten Rohstoffe wie etwa Mais und Holz tendenziell knapp und teuer bleiben. Weiter heißt es, dass erneuerbare Energien allein angesichts des hohen Energiebedarfs in der Papierherstellung keine gänzliche und stabile Energieversorgung leisten können. Sie sind nicht ausreichend verfügbar und werden obendrein teilweise von der Politik ebenfalls kritisch betrachtet.

Vor diesem Hintergrund stellen Experten energieseitig einen anhaltend hohen Investitionsbedarf in der Papierindustrie fest. Sollen die Klimaziele im gesetzten Rahmen erreichte werden, ist technologisches Know-how gefragt und eine langfristig angelegte Strategie der Unternehmen notwendig. Es stellt sich die Frage, inwieweit dies für den Einzelnen leistbar ist, die Unternehmen finanziell in der Lage sind, diesen Anforderungen gerecht zu werden.

Eigene Energieproduktion als Lösung

Die Suche nach einem Ausweg aus dem Energiedilemma ist dringlich. Der Energiemarkt erscheint zunehmend unsicher und schwierig zu beherrschen. Dabei ist eine verlässliche Stromversorgung die Basis der Existenz der Papierfabriken.

„Die Industrie muss ihren Strom selbst produzieren“, lautet der Schluss eines Branchenkenners. Dabei gelte es, die Last gleich auf mehrere Energieträger zu verteilen – erneuerbare sowie zum Beispiel grünen Wasserstoff. Gleichzeitig müsse die Energieversorgung für die Übergangszeit, die es für so große Investitionsvorhaben braucht, abgesichert werden.

Dazu bedarf es nach Meinung vieler Papierhersteller unter anderem der Bereitschaft der Politik, Brückentechnologien zu fördern. Immerhin gilt es, die Lücken zu stopfen, die durch den politisch motivierten Ausstieg aus der Atom- und Kohlekraft entstehen.

Forderungen an die Politik

Im besten Fall unterstützt die Politik die Unternehmen im Übergang zur die Dekarbonisierung mit einer verlässlichen Roadmap: „Dabei sind Anreize für Investitionen eine Alternative zu Gesetzen und Verboten“, kommentieren Papierhersteller. Hier wird insbesondere angesichts der aktuellen Umstände vermehrt gefordert, die Kernkraft nicht als Sackgasse zu sehen. Sie könnte als Brückenlösung dienen. Auch andere konventionelle Energieformen wie etwa Erdgas, die den Energiebedarf verlässlich abdecken, sollten nicht verdammt werden, äußern Akteure, die daran zweifeln, dass erneuerbare Energiequellen alleine die Versorgung der Industrie garantieren könnten. Auf der Hand liege zudem die Notwendigkeit von Investitionen in das Stromnetz samt Reservekapazitäten. Um die energieintensiven Industrien angesichts der Kosten der Energiewende in dieser Phase zu unterstützen, sollte auch ein temporärer Industriestrompreis kein Tabu sein, heißt es aus der energieintensiven Industrie.

Außerdem stellen Akteure immer mehr Bestrebungen fest, die sich nach nationalen Politikmustern richten. Sie erachten ein europaweites Konzept für eine gemeinsame Energiepolitik als wünschenswert und notwendig. Nur so könnten enorme Wettbewerbsnachteile am europäischen und globalen Markt verhindert werden. Gleichzeitig würde dies die Chancen verbessern, die ambitionierten Klimaziele zu erreichen.

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