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Papierindustrie mit Sorge, aber ohne Panik: Irritationen in der Debatte um Systemrelevanz

27.03.2020 − 

Im Rahmen der Coronakrise kocht die Debatte um die Frage hoch, inwiefern die Papierindustrie von der deutschen Regierung als systemrelevant eingestuft werden könnte und sollte. Dabei beabsichtigt die Bundesregierung eine derartige Unterscheidung zwischen Betrieben offenbar nicht, da die Wertschöpfungsketten viel zu eng verflochten seien.

Mit einer solchen Regelung sollen, so die Meinung einer Reihe von Industrievertretern, die Lieferkette von Papierfabriken und die Produktion selbst sichergestellt werden – auch für den Fall, dass in Deutschland Betriebsschließungen angeordnet werden sollten. Diese Befürchtung gründet sich etwa auf die staatlich verordnete Schließung von Betrieben etwa im Dienstleistungsgewerbe und auf das jüngste Geschehen in Italien. In der Folge haben Branchenverbände auf nationaler und internationalen Ebene Forderungen formuliert, die Unternehmen der Papier herstellenden sowie verarbeitenden Industrie als systemrelevant einzuordnen. In Deutschland und Europa war mit diesen zum Teil offiziellen Statements der Hinweis auf die enorme Bedeutung verbunden, die Rohstoffversorgung der Produzenten abzusichern. Insbesondere im Falle von Altpapier sind hier gleich mehrere Wirtschaftszweige miteinander verflochten. So beginne das Altpapierrecycling auf kommunaler Ebene etwa mit den unterschiedlichen Sammelsystemen und reicht bis zu den Sortieranlagen, ehe der Transport zu den Papierfabriken zu bewerkstelligen ist.

Sollte diese Kette unterbrochen werden, seien Produktionseinschränkungen zu befürchten, sagen Industrievertreter übereinstimmend. Nach EUWID-Informationen kam es und kommt es derzeit zu Ausfällen im Sammelsystem vereinzelter Kommunen in Deutschland. Ebenso liegen Berichte vor, wonach die Kette in anderen Regionen funktioniere. Zudem bestätigen Unternehmen, über Lagerbestände zu verfügen.

Ist Papierindustrie systemrelevant?

Eine Folge von potenziellen Ausfällen bei Altpapiererfassung und Papierproduktion wäre eine Beeinträchtigung der Versorgung der Bevölkerung mit Papierprodukten sowie verpackten Produkten. Die deutsche Papierindustrie, die sich auf eine komplexe Wertschöpfungskette gründet, stellt deshalb vorsorglich Forderungen zur Absicherung der Logistik, der Produktion sowie Weiterverarbeitung.

Auch der Verband Deutscher Papierfabriken VDP hat sich an die Bundes- und Landesregierungen sowie die Behörden vor Ort mit der Forderung gewandt, die Herstellung von Papierprodukten, die für die Grundversorgung der Bevölkerung notwendig sind, als systemrelevant einzustufen. Dem Verband liegen allerdings Hinweise vor, dass dies nicht geplant ist, heißt es gegenüber EUWID.

Systemrelevanz ist auch in anderen europäischen Ländern Thema: So hat die italienische Regierung mit Wirkung ab dem 23. März die landesweite Schließung von Betrieben verordnet. Wie aus dem Dekret hervorgeht, ist die Papier- und die papierverarbeitende Industrie von dieser Maßnahme nicht betroffen. Außerdem sollen Belgien und Spanien die Branche als systemrelevant eingestuft haben.

Wie Branchenkenner bezüglich der Situation in Deutschland erklären, sei die Papierindustrie alleine wegen der Hygienepapiere sowie als Zulieferer der Lebensmittel- und Pharmaindustrie de facto systemrelevant.

Diese Akteure gehen auch in der derzeitigen Krise nicht von Verwerfungen in Papierindustrie aus. Zuletzt hatten Branchenvertreter Befürchtungen geäußert, wonach zeitnah massive Produktionsausfälle drohen. So war im Artikel „Corona-Krise bedroht Versorgung der deutschen Papierindustrie mit Altpapier“ in der jüngsten Ausgabe von EUWID PZ Nr. 13 fälschlicherweise der Eindruck entstanden, dass der europäische Papierverband CEPI damit rechnet, dass viele Papierfabriken ihre Produktion zum Teil deutlich reduzieren würden. Richtig ist, dass das CEPI-Schreiben den Faltschachtelverband ECMA zitierte. Dieser wies darauf hin, dass ECMA-Mitglieder – also die Faltschachtelhersteller und nicht die Papier- und Kartonhersteller ‑ über einen Rohmaterialbestand zwischen 0,5 und 3 Wochen verfügen. In der Folge stünden Produktionseinschränkungen zu befürchten, heißt es weiter, sollte sich die angespannte Liefersituation im Warenein- und ausgang nicht bessern. Hierzu gibt es eine neue Entwicklung.

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